Die zwei Hirnhälften Leopolds

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Philip Heimke steht bei Kopf im Koffer als Schauspieler auf der Bühne. Welche Fragen bewegen ihn in der Arbeit mit Atemschaukel? Im Gespräch erzählt er über die Fremdheit, die seine Figur Leopold Auberg in seinem Leben empfindet. Über die Fremde, mit der diese Figur in unserem Alltag steht. Und wie das, was Leopold bewegt, gleichzeitig das Menschsein im Innersten anrührt. Es geht um den Aufbruch von zu Hause, immer wieder ums Gefühl der Fremde, überall. Und wie Philip Heimke seinen persönlichen Erinnerungskoffer packen würde.

Ein Interview um das Spiel mit der Erinnerung und das Spiel mit zwei Leopolds – der Abschluss der Gesprächs-Serie für diesen Blog.

Christian Stolz Erinnerung – Was spielt sie in unserer Beschäftigung mit Atemschaukel für eine Rolle?

Philip Heimke Es geht sehr stark um die Erinnerung des Erzählers an die Lagerzeit. An den großen Hunger, die Arbeit, aber auch schöne Erinnerungen an Tänze im Lager. Darüber hinaus wird die Zeit vor dem Lager aufgegriffen, das Wegwollen aus der Heimat, der Wille zum Aufbruch und sei es ins Lager, und das Versteckspielen mit der Homosexualität, das Suchen und Finden der Liebe – das sind für mich die Erinnerungen, um die es geht.

Christian Ist das etwas, das eher in einer Ferne bleibt, in einer historischen Distanz? Oder findet man selber Bezugspunkte zu den Erinnerungen des Erzählers?

Philip Selber Anknüpfungspunkte zu finden, ist schwierig. Natürlich habe ich ein paar Andockpunkte, wie das Gefühl an die Zeit, wenn man selbst nicht mehr zu Hause sein wollte, von zu Hause ins Ungewisse aufgebrochen ist. Ich wurde allerdings in einer Zeit groß, in der ich mir keine Sorgen machen musste um größere Leiden. Die Wege waren zwar etwas steinig, aber nicht von Hunger geprägt oder vom Bestraftwerden wegen einer sexuellen Orientierung.

Christian Ist es eine bis zum Ende traurige Geschichte, die wir erzählen?

Philip Ja, sie ist traurig. Sie ist in ihrer Zeit verhaftet, in Rumänien 1945-50. Das einzig Hoffnungsvolle ist die Sprache, die Herta Müller gewählt hat. Die ist wirklich sehr poetisch. Krasse Worte, die etwas Hartes in sich haben wie Hungerengel oder Atemschaukel, kommen nicht hart rüber. Es wird dann doch sehr weich, rund, poetisch erzählt. Die Worte machen Hoffnung. Um was es aber geht und was verhandelt wird, das ist nicht hoffnungsvoll. Auch nach dem Lager verspürt der Erzähler niemals Freiheit.

Christian Kannst Du umreißen, von welchem Punkt wir gestartet sind, um etwas über die Figur Leopold zu erzählen, und an welchem Punkt wir nun stehen?

Philip Ich habe das Gefühl, dass wir uns von der Grundkonstellation kaum entfernt haben. Janna spielt einen jungen aufbegehrenden Leopold. Und ich blicke aus der Gegenwart zurück und sage: „Mag sein, dass ich so gedacht habe, aber ich habe auch andere Dinge feststellen müssen, und die waren nicht nur schön.“ Ab und an haben sich Konflikte verschoben. Wir denken die Figur jetzt mehr als eine Figur, als ein Leopold. Wir erzählen eine gemeinsame Geschichte, aber als zwei Hirnhälften.

Christian Es geht um Vergangenheit und Gegenwart?

Philip Ja, das ist eine der vielen Ebenen. Janna als junger Leopold hat Vergangenheit und Gegenwart in sich und ich als gegenwärtiger Leopold habe Vergangenheit und Gegenwart in mir.

Christian Du hast eben von der sehr poetischen Sprache gesprochen. Was macht diese Sprache aus, auch beim Sprechen?

Philip Die Sprache erinnert mich manchmal ein bisschen an Heiner Müller, der auch viele kurze Sätze benutzt, die sehr hart klingen, aber eine Bildwelt aufmachen. Hier ist es ähnlich. Es wird von extremen Dingen erzählt, aber durch Worte wie Atemschaukel oder Hungerengel macht sich ein Bild auf, das Interpretationsfläche bietet. Die Sprache hat trotzdem keinen blumigen Klang. Das empfinde ich als das Poetische daran.

Christian Was bewegt die Figur Leopold?

Philip Er ist reflektionsstark. Er ist jung und naiv, begreift aber das Leben in seinen Facetten. Er weiß zu genießen, er weiß zu leben, er weiß aber auch Leid zu ertragen. Und darüber hinaus weiß er darum, das Leid nicht nur als Leid hinzunehmen – denn ich glaube, das würde zum Tod führen -, sondern er münzt es um und gibt ihm etwas Positives, um zu überleben. Das macht ihn, finde ich, sehr stark.

Christian Kämpft er einen Kampf um sein Ich?

Philip Leopold ist eher lebenshungrig, um es mit Herta Müllers Worten zu beschreiben. Hungerengel, Lebenshunger… Das Leben macht ihn wortwörtlich hungrig.

Christian Gab es bisher bei den Proben Momente, die Du als besonders spannend mitgenommen hast?

Philip Das Thema der Homosexualität ist spannend. Der Erzähler ist in seiner Zeit meilenweit davon entfernt, einzugestehen oder auszusprechen, dass er gleichgeschlechtlich liebt. Das wird poetisch angeschnitten mit den Rendezvous im Park und der Rolle der Mutter, die ein wenig kryptisch daherkommt. Was in unserer Beschäftigung mit dem Roman auch einen großen Anteil hat, ist der Kampf mit dem Hunger. Es geht darum, den Kampf mit der Zwangsarbeit und dem Hunger in so einer Lagerstätte zu verdrängen, zu vergessen und damit umzugehen. Das ist Hunger in einer Form, wie ich ihn mir nicht vorstellen kann. Wir können uns nicht vorstellen, nichts zu essen zu haben.

Christian Es geht um Existenzielles, an das man aber eher schlecht anknüpfen kann, weil es einen selber nicht begleitet?

Philip Im Theater werden ja oft Probleme auf der Bühne zugespitzt gezeigt, mit denen die Zuschauer per se vielleicht nicht viel zu tun haben. Und trotzdem kennt diese Probleme jeder, weiß darum oder hat sie schon einmal erlebt, wenn er ein bisschen in sich reinhorcht.

Christian Wusstest Du vorher etwas über die Geschichte dieser Deportationen?

Philip Gar nicht.

Christian Ist es eine Erinnerungskultur, die untergeht? Kennst Du vergleichbare Ereignisse?

Philip Über das Theater habe ich schon viele Sachen kennengelernt. Das Thema Wallenstein zum Beispiel. Wallenstein, der durch Deutschland gejagt ist, in Güstrow eine Burg hatte und dort ganze Ländereien einnahm. Da machen sich Welten auf am Theater.

Christian Was könnten Zuschauer mitnehmen von diesem Thema, bei dem ein aktueller Bezug nicht an erster Stelle steht?

Philip Ich hoffe, die Zuschauer nehmen nicht nur Worte mit. Ich will aber auch kein Bild des Leidens zeigen. Vielleicht geht es darum, mehr darauf zu achten, was drumherum so passiert, zum Beispiel in Rumänien. Mit Rumänien kenne ich mich gar nicht aus: ein Staat, den man kaum mitbekommt. Nur ein paar Schlagworte kenne ich, wie den Diktator Ceaușescu. Wie Staaten entstanden sind, das interessiert einen oft nicht, aus einem Egoismus heraus, obwohl alles so nah ist.

Christian Das Besondere sind bei dem Thema auch die deutschen Enklaven in Rumänien…

Philip …die ja eigentlich ein Teil von uns sind. Viele sind von dort hierher zurückgekommen. Das Wort Sudetendeutsche sagt einem etwas, auch Siebenbürgen.

Christian Die Deportationen in die Sowjetunion haben in Rumänien eine bestimmte Gruppe von Menschen betroffen, die Rumäniendeutschen. Das ist eigentlich auch ein spannender Punkt, oder, dass dieses Kapitel mit bestimmten Volksgruppen verbunden ist?

Philip Wenn man von Flüchtlingen spricht, heißt es ja oft: Das sind „Die, die kommen“. Da spricht man dann auch von einem „Die“, von einer Gruppe. Das macht es glaube ich einfacher, irgendetwas zu verallgemeinern, irgendetwas von sich wegzuhalten, einen Schuldigen zu finden. Es wäre schön, wenn wir das schaffen, dass man sensibilisiert, dass man aufzeigt, dass es um eine Gruppe ging, die deportiert wurde.

Christian Im Geschichtsunterricht bekommt man viele übergreifende Prozesse der Geschichte mit. Der Roman beschreibt eine persönliche Geschichte, und macht dadurch etwas Spezifisches deutlich, das zu einem bestimmten Zeitpunkt stattgefunden hat. Kann das Geschichte lebendig halten?

Philip Ich finde, man hört sich lieber Geschichten von Menschen an, als aus Büchern zu lesen. Wenn ein Großvater erzählt, wie es im Krieg war, ist es doch spannender, ihm zuzuhören, seine Meinung zu erfahren, als in einem Buch davon zu lesen. Und so ist es ja auch im Theater: Man erfährt etwas über eine persönliche Begegnung.

Christian Bei unserer Beschäftigung mit Atemschaukel geht es um Erinnerungen, denen man selber nicht trauen kann, die man verfälscht und positiver macht, in denen man sich selber zurückholen muss auf ein realistisches Niveau. Wie zeigt sich das bei der Figur Leopold?

Philip Ich glaube, der Erzähler muss sich eine Realität schaffen, die kompatibel ist mit den Erinnerungen, die er in sich trägt. Er muss sie verfremden, verfälschen, zurechtbiegen oder auch vergessen, um lebensfähig zu bleiben. Leopold hat das Gefühl, nicht mehr lebensfähig zu sein, denn als er aus dem Lager zurück nach Hause kommt, ist er ein Fremder, es wird fremd mit ihm umgegangen. Man kriegt nicht heraus, ob das nur seiner Vorstellung entspringt, weil er sich selbst fremd ist, also sich selber das Gefühl gibt, dass alle anderen fremd mit ihm umgehen. Ich verstehe gut, dass man sich Dinge zurechtbiegt, gar nicht als bewusster Vorgang, sondern als einer, der automatisiert ist in der Psyche. Da schützt sich der Körper wahrscheinlicher selber vor seinem Kopf.

Christian Kopf im Koffer ist der Titel des Projekts, es geht um Erinnerungsgegenstände. Wenn Du, ein wenig wie Leopold, einen Koffer packen würdest mit Erinnerungen: Was würdest Du in den Koffer tun?

Philip Ich glaube, ich würde erst einmal darüber nachdenken, welche Menschen mir wichtig sind und was mich mit diesen Menschen verbindet. Und wenn es nur ein Kaugummipapier ist, weil er oder sie mir das gegeben hat, dann würde ich das in den Koffer hineinlegen. Ich glaube, es wären kleine Dinge. Es gibt so Einfaches. Manchmal ist es nur ein Lied oder ein Kleidungsstück, das einen an jemanden denken lässt, oder Bilder oder Fotos. Zum Beispiel erinnert mich ein Schlüsselanhänger, wie eine Art Medaille, an einen besonderen Menschen.

Christian Musik ist auch eine sinnliche Komponente des Erinnerungsraums. Wie hast Du die Rolle der Musik bisher in den Proben empfunden? Was macht sie mit der Szene?

Philip Musik arbeitet sehr unterstützend. Sie hat einen leichteren, schnelleren Zugriff auf Emotionen. Eine düstere Atmosphäre kommt bei uns schon durch die klingende Sprache zum Ausdruck. Die Musik greift das auf, unterstützt es, gerade dadurch, dass es ja elektronische Musik ist. Sie verfremdet, klingt metallisch. Das macht es natürlich auch ein bisschen schmutziger, nimmt dem Klingenden etwas von der Schönheit, reibt Schmirgelpapier drüber. Das ist spannend, denn dadurch entsteht Reibung. Auch, dass am Klavier gespielt wird, hat etwas Treibendes, das dem Ganzen guttut.

Christian Was verbindest Du mit dem Begriff Atemschaukel aus dem Roman?

Philip Die Hungerengel-Figur des Romans ist für mich diejenige, der an den Hunger erinnert. Der Hunger wird durch ihn lebendig. Es entsteht im Erzähler, glaube ich, aus Einsamkeit und Wahn, dass man viel mit sich selbst redet, auch mit Gegenständen, dass man Gegenstände lebendig macht. Die Atemschaukel ist für mich etwas Bewegendes, etwas hin und her Gehendes, hin und her Gerissenes. Sie kann so vieles bedeuten. In einer furchtbaren Umgebung schöne Momente zu haben, das kann etwas Schaukelndes bekommen. Die Atemschaukel ist verursacht durch den Hungerengel: Irgendwann wird man wahnsinnig.

Christian Was macht das Wesen des Hungerengels aus? Dass er so ambivalent ist?

Philip Alleine dadurch, dass er Engel heißt, wird er positiv gewertet, als würde er Leopold davor bewahren, zu verhungern. Aber ich glaube, er will ihn eigentlich verhungern lassen. Er wird zwar Engel genannt, ist aber der Teufel mit dem Heiligenschein. Es ist ein Ansprechpartner, vielleicht Leopolds einziger, will aber nur Böses.

Philip Heimke wurde 1983 geboren. Nach Beendigung seiner Speditionslehre und ersten Theatererfahrungen in einer Laienspielgruppe, absolvierte er ein kulturelles Jahr in Berlin. Weitere Theatererfahrungen im Theaterhaus Mitte und dem Theater Zerbrochene Fenster. Von 2007 bis 2011 studierte er an der Hochschule für Musik und Theater Rostock Schauspiel, welches er mit Diplom abschloss. Nach einem Gastengagement am Theater der Stadt Aalen, wo er in Katharina Kreuzhages »Hamlet« den Clausius spielte, war Philip Heimke von 2011 – 2014 festes Ensemblemitglied am Theater Konstanz. Er arbeitet als freier Schauspieler.

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