Im Strauß von Erinnerungen kramen

Foto Lena

Schon bald ist es soweit: Am Dienstag hat Kopf im Koffer Premiere. Ein spannender Tag, besonders auch für Lena Hesse, die an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ Berlin Regie studiert und das Projekt inszeniert. Noch wird konzentriert geprobt, gefeilt, reflektiert. Wie spielen wir mit den Erinnerungen Leopold Aubergs? Wie übersetzt man Bilder des Romans für einen theatralen Rahmen?

Steigen wir ein in ein Gespräch über Nähe und Distanz, Sprachrausch und Sprachwiderstand mit der Frage, die alle Interviews in dieser Serie eröffnet:

Christian Stolz Lena, was erzählt der Roman Atemschaukel für Dich?

Lena Hesse Zuallererst finde ich die Struktur des Romans sehr interessant. Also dass man kleine Kapitel hat, wie Häppchen, durch die man einen Einblick bekommt in die Erinnerung einer anderen Person. Und wie schön diese Sprache ist. Man muss oft über einzelne Begriffe grübeln und erst nach mehrmaligem Nachdenken versteht man, was damit gemeint sein könnte. Auch die Entwicklung, die der Roman nimmt, ist überraschend. Das Lager hat am Ende etwas Positives und man kann die Sehnsucht nachvollziehen, die der Erzähler auf einmal empfindet. Eigentlich möchte er wieder zurück. Das ist ziemlich verstörend. Man muss nicht alles verstehen oder es unbedingt nachvollziehen, darum geht es nicht. Der Roman funktioniert viel assoziativer als ein Bericht aus dem Lager, der vor allem Fakten in sich trägt. Daran kann ich andocken. Das macht es vielleicht auch zeitloser.

Christian Was ist der Erzähler Leopold Auberg aus Deiner Sicht für eine Figur und was für eine Entwicklung macht sie durch?

Lena Im Roman wird die Figur erwachsen. Sie sammelt Erfahrung und wächst daran in einer gewissen Weise. Auf der anderen Seite scheint Leopold trotzdem immer Kind zu bleiben. Er ist eine Art Träumer, der sich zunehmend Fluchtpunkte sucht. Wir haben eine Schauspielerin und einen Schauspieler, die Leopold darstellen, unterschiedliche Teile von ihm. Den etwas reflektierteren Leopold, der ungefähr 60 Jahre alt ist und auf seine Erinnerung blickt. Und dann der Leopold, der noch Jugendlichkeit und Kindlichkeit in sich trägt. Wir begeben uns mit ihm zusammen in diese Erinnerung, die zwar düster ist, aber auch spielerisch.

Christian Würdest Du sagen, dass das eine sehr spezielle Erzählwelt ist von diesem Leopold? Oder hat das auch etwas Allgemeingültiges?

Lena Ja und ja. Es ist sehr speziell. Aber dadurch bekommt es eine Allgemeingültigkeit. Erfahrungsberichte von Lagererlebnissen klingen ja eigentlich anders. Der Roman macht ein großes Bild auf, das mit dem Menschsein grundsätzlich zutun hat und mit dem Menschsein in einer schwierigen Situation, dem Versuch, mit ihr umzugehen. Selbst wenn wir diese Lagererfahrung nicht gemacht haben oder ähnlich schlimme Erfahrungen, hat man trotzdem einen Punkt, an dem man ansetzen kann. Das macht diese spezielle Sprache. Und die Art und Weise, darüber zu berichten. Man denkt beim Lesen: Ah ja, irgendwie kenne ich das auch. Es geht um ein Gefühl.

Christian Die Musiker haben erzählt, dass sie finden, dass man beim Lesen den Eindruck hat, der Situation im Lager sehr nah zu kommen. Was würdest Du sagen: Schaffen die Bilder und die Sprache des Romans eine Nähe oder eher eine Distanz?

Lena Ich musste erst einmal begreifen, von was für einer Situation der Erzähler überhaupt spricht. Das fing schon an mit dieser Vorfreude auf die Deportation. Als ich den Roman angefangen habe zu lesen, wusste ich nicht viel über die historischen Fakten und kannte den Begriff Deportation nur im Zusammenhang mit der Judenverfolgung, dem Holocaust. Was geschildert wird, ist sehr phantastisch, auch wenn es seinen Ausgangspunkt in der realen Welt hat. Der Roman spricht eher etwas Emotionales an. Er schafft Bilder, die das Thema greifbarer machen als ein dokumentarischer Bericht. Nachvollziehen kann man es nicht, aber man hat ein Gefühl dafür, wie es gewesen sein könnte. Weil die Erzählweise auch sehr subjektiv ist. Man geht mit dem Charakter, der Figur mit. Der Roman ist so angelegt, dass man sich mit ihm identifizieren kann, weil alles aus seiner Perspektive geschildert wird.

Christian Was bietet dieser Roman für Andockpunkte, um theatral mit ihm zu arbeiten, und wo sind Widerstände?

Lena Die Bildhaftigkeit ist sowohl Andockpunkt als auch Widerstand in sich. Im Erstellen der Textfassung hat man sich natürlich an Bildern orientiert. Auf der Bühne sieht man jetzt: Die Sprache funktioniert schon so. Das Bild wird bereits dadurch aufgebaut, dass man es hört oder dass man es liest. Es wechselt sich bei uns ab, dass man das Wort sprechen lässt, dass es szenische Vorgänge gibt, die beim Zuschauer das Gehörte verständlicher machen oder eine Interpretation andeuten. Wenn man Bilder neben Bildern hat, ist es erst einmal schwierig, einen Konflikt darin zu suchen. Aber das hat sich interessanterweise gut gefügt. Da man als Mensch auch nicht immer nur eine Position vertritt, sondern zwiegespalten ist, konnten wir das aufgreifen und aufteilen auf die zwei Spieler. So kann man noch viel deutlicher als im Roman machen, dass zwei Stimmen aus einer Brust sprechen. Es ist schön, das auf der Bühne sichtbar zu machen und eröffnet neue Blicke auf den Roman.

Christian Was ist denn das Grundsetting?

Lena Die Erinnerungen sind im Fokus. Man bedient sich aus ihnen. Man erzählt natürlich nicht den ganzen Roman, sondern wichtige Stationen anhand von Erinnerungsgegenständen. Die Figuren, die es im Lager gibt, oder die der Erzähler sich erschafft, haben als Pendant einen Gegenstand, der auf der Bühne sichtbar sein wird und dessen Geschichte wir erzählen.

Christian Was sind das für Gegenstände, mit denen gearbeitet wird?

Lena Das sind Dinge, die im Roman erwähnt werden. Dinge, denen der Erzähler begegnet. Zum Beispiel die Herzschaufel, die er in der Zwangsarbeit benutzt zum Kohleschaufeln. Sie wird durch ihn umgedeutet. Der Gegenstand bleibt nicht Gegenstand, sondern wird Spielpartner. Wir haben zwei Spieler, die sich gegenseitig befeuern, und den Gegenstand zur Person machen können. Es ist eine Art Sammlung von Erinnerungsgegenständen, aus der man sich bestimmte Sachen herauspickt.

Christian Die Fassung besteht in vielen Teilen aus Originaltext, dem wir eher durch Konstellationen einen theatralen Aufbau geben. Das ist sicherlich etwas Besonderes am Theater, dass der Roman-Originaltext größtenteils vorliegt, oder?

Lena Ja, das ist schön. Wenn man einen Roman auf die Bühne bringen will, kann das mit dem Thema zutun haben. Dann ist man nicht so gebunden an den Romantext und verlässt die Sprache des Romans. Das ist das, was man ganz oft auf der Bühne sieht, weil der Roman ein Thema aufgreift, das interessiert. Und bei uns ist es sowohl das Thema als auch die Sprache. Die Idee war, dass man sie beibehält, weil sie das Besondere ist. Man muss nur kleine Schräubchen drehen, um für den Text eine Situation herzustellen. Es macht Spaß, nach passenden Bildern zu suchen, die sich mit dem Text trotzdem nicht doppeln.

Christian Wo ist bei der Arbeit daran mit den Schauspielern der große Unterschied zu klassischerer Bühnensprache?

Lena Man kommt aus dem Erzählenden eigentlich nicht raus. Es gibt ein paar Punkte, wo sich das verliert, und das ist als Kontrast gut, aber es bleibt immer episch, erzählend. Dann stellt sich die Frage: Aus welcher Perspektive erzähle ich das wem? Man nimmt sich Erinnerungsgegenstände und fängt darüber an, zu erzählen. Dann müssen wir ausloten, wie auch ein erzählender Text situativ sein kann.

Christian Wir alle bei diesem Projekt stehen in einer Distanz zu den Themen des Romans, den Deportationen. Kann man Fragen daraus mitnehmen, oder bleibt der Roman in der Ferne?

Lena Der Roman zeigt, wie Menschen sich verhalten in brenzligen Situationen. Auch, wie man unmenschlich wird, wenn es ums nackte Überleben geht. Es geht auch darum, was Menschen ertragen können. Im Kontrast dazu erscheinen einem die eigenen Probleme klein. Trotzdem ist es nicht so, dass ich mit einem Kloß im Hals den Roman zuklappe, denn er hat keine extreme Schwere. Das ist gut und kann einen näher an die Thematik heranbringen, als wenn mit dem erhobenen Zeigefinger gearbeitet wird. Durch die Sprache wird die Distanz abgebaut.

Christian Wir haben auch einmal über das Thema gesprochen, dass es ein starkes Bewusstsein für den Zweiten Weltkrieg gibt, wir alle mit unseren Bildern davon durch den Alltag gehen, aber einige Themen wie das von Atemschaukel trotzdem nicht präsent sind…

Lena Ich wusste ja am Anfang auch nicht viel darüber. Mein Uropa war in russischer Kriegsgefangenschaft. Es ist mein einziger Berührungspunkt damit, was nach dem Krieg noch passiert ist. Was im Zweiten Weltkrieg geschehen ist, war so groß und so schlimm, dass es alles, was danach kommt, in den Schatten stellt im Erinnern daran. Deshalb werden wahrscheinlich bestimmte Themen in der Schule stärker thematisiert, weil man Angst hat, dass sich das wiederholen könnte. Das Thema von Atemschaukel ist tatsächlich eher ein blinderer Fleck. Es gibt immer ein Danach, das zeigt der Roman. Das, was nach dem Krieg passiert ist, ist genauso unmenschlich und passiert auch heute noch, das verdeutlicht der Roman, glaube ich, auch. Für den Protagonisten hört der Umstand der Deportation nie auf, aber in der Geschichte auch nicht. Nach etwas Schlimmem kommt etwas Schlimmes, weil der eine es dem anderen heimzahlen muss. Im Roman sucht man trotzdem eher nach dem Menschlichen und nicht nach dem spezifischen Umstand, dass jemand im Lager gefangen ist. Darum geht es nicht. Sondern darum, wie man sich als Mensch in verschiedenen Situationen verhält.

Christian Es fällt, finde ich, schwer, über den Roman zu sprechen, weil es sehr stark um Existenzielles geht, kaum Greifbares…

Lena Man hat Spots. Im Erzählen entfernt sich der Roman von der Realsituation. Auch der Protagonist entfernt sich immer mehr von ihr. Das ist sehr speziell an diesem Roman, der Art und Weise, wie er geschrieben ist. Und das kann man auf der Bühne zeigen, weil man nicht zeigen kann, dass wir uns im Lager befinden. Es geht eher um das Phantastische. Man ist nicht gezwungen, etwas Reales nachzuempfinden, sondern es geht um mehr.

Christian Würdest Du sagen, dass der Roman etwas Politisches hat?

Lena Ich glaube, danach muss man suchen. Es wird keine Stellung bezogen, dass man sagen kann, es gäbe politische Lager oder dass man sich auf eine Seite schlägt, zum Beispiel die der Russen oder der Rumäniendeutschen. Vielmehr ist es der Konflikt zwischen dem Zuhause und dem Lager. Was heißt auch politisch? Es wird auf jeden Fall etwas Gesellschaftliches erzählt. Wenn das politisch heißt, dann ist er politisch. Wir haben ganz oft über diese Ferienlagerstimmung gesprochen, dass man sich fragt, wohin der Protagonist zu Beginn des Romans aufbricht. Dieser Satz „Ich wollte weg aus der Familie, und sei es ins Lager“ erzählt darüber ziemlich viel, über jemanden, der keinen Platz findet in der Gesellschaft. Dann kommt er ins Lager und da sind alle gleich. Dann kommt man zurück und findet wieder seinen Platz nicht. Wie ein Puzzleteil, das keine passende Stelle hat, um anzudocken. Im Lager war man eins mit den anderen in der Überlebensstrategie. Deshalb erscheint das Lager fast schöner als das zu Hause. Das wirft Fragen auf. Eigentlich ist klar: Krieg ist schlimm. Zwangslager sind schlimm. Aber der Roman bringt das ins Kippen, weil auf einmal auch etwas anderes schlimm ist. Das ist tatsächlich eine andere Sichtweise auf das, was passiert ist.

Christian Was meinst Du, was triggert der Roman und unser Projekt an?

Lena Wir sind auf die Suche danach gegangen, was Erinnerung ist oder sein kann oder welche Erinnerung nicht wahr ist. So starten auch die Schauspieler in den Abend, dass man sich Erinnerungen annähert. Wir haben es ja Spiel um Erinnerung genannt. Negative und positive Erinnerungen stehen sich gegenüber. Vielleicht setzt man sich auch mit seinen eigenen Erinnerungen auseinander. Man wird auf jeden Fall nicht über historische Dinge aufgeklärt. Sondern man wird angehalten, auch selbst mal im Erinnerungsstrauß zu kramen und zu schauen, was es da gibt. Oft hört man: „Ich muss meine Großmutter noch fragen, wie das damals gewesen ist. Und dann schreibe ich das auf, damit ich etwas habe, einen Bericht.“ Wie sieht unsere Erinnerungskultur fernab von Historie aus, was ist unsere eigene Erinnerungskultur? Ich fände es gut, wenn das Projekt auch etwas Schönes hat. Der Erinnerungsprozess soll nicht negativ enden. Trotz schlimmem Erlebtem kann etwas Positives bleiben. Der Roman ist düster, aber nicht nur, das haben wir in der Arbeit mit ihm erfahren.

Christian Wir haben ja auch Musik als Element mit dabei. Bei den Proben muss das alles zusammenkommen…

Lena Die erste Probe mit Musik war schön, weil man merkt, dass dieses zusätzliche Mittel etwas plastischer macht. Musik kann da sehr, sehr viel. Ich bin gespannt auf die Stellen, wo wir Musik atmosphärisch nutzen, denn das ist etwas Neues für mich. Und ich freue mich darauf, den Erinnerungsraum, wenn er fertig ist, zu betreten. Ihn formt alles gemeinsam: die Bühne, die Schauspieler, die Musik, das Licht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s