„Leopolds Gedächtnis liegt offen da“

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Christina Flügger, Studentin der Bühnen- und Filmgestaltung in Wien, entwickelt einen realen Bühnenraum aus den Bildern, die beim Lesen von Atemschaukel eigentlich nur im Kopf entstehen. Welche Skizzen im Prozess der Entwicklung entstanden sind, könnt Ihr in der Blog-Rubrik „Erinnerung ~ Material“ verfolgen. Hier folgen nun die Worte dazu. In ein paar ruhigen Minuten zwischen Requisiteneinkäufen und technischen Überlegungen spricht sie darüber, wie aus Ideen Material wird. Und wieso Gegenstände für den Erzähler des Romans lebendiger sind als Menschen.

Christian Stolz Als Du den Roman Atemschaukel zum ersten Mal gelesen hast, was hattest Du für Assoziationen im Kopf?

Christina Flügger Ganz viele. Der Erzähler schmückt viele Details aus und formt Bilder, um seine Erlebnisse begreifbar zu machen. Es wird kein großes Ganzes erzählt, sondern ganz viele kleine Augenblicke, die nebeneinanderstehen. Das erste Mal ein Buch zu lesen ist immer kostbar, weil einem dann ein Moment geschenkt wird, in dem man die Bilder begreifen kann, die aufgemacht werden. Ich habe versucht, einige der Szenen und Bilder zu skizzieren, um mir das besser vorzustellen, damit das in die Hand geht, welche Bilder ich darin sehe.

Christian Du hattest ganz am Anfang der Ideenbesprechungen zum Projekt mal gesagt, dass Du es sehr schwierig findest, den Roman am Stück zu lesen?

Christina Ja, ich finde, der Roman ist ein wenig dafür gemacht, dass man ihn weglegt und wieder in die Hand nimmt. Übergänge zwischen den Kapiteln sind nämlich unklar, bruchstückhaft. Heimat und Lager verfließen. Manchmal hält man es nicht aus, lange Passagen am Stück zu lesen, weil einen die Bilder überfallen, sie überrennen einen. Sie sind so groß. So viel verträgt man gar nicht auf einmal.

Christian Weil die Bilder des Romans so hart sind, oder so komplex?

Christina Dicht sind sie, auf jeden Fall. Hart sind sie eigentlich überhaupt nicht, denn die Kunst liegt ja darin, dass die Bilder des Romans schön und ganz zart und weich sind. Das steht im Gegensatz zu diesem Schrecklichen, das sie eigentlich beschreiben.

Christian Gab es bereits aus diesen Bildern und Deinem Leseeindruck Themen, die Dich interessiert haben?

Christina Ich fand die Materialität toll, die der Erzähler beschreibt, diese Farben, diese Substanzen. Man weiß, wie hart oder wie weich die Sachen sind, die er skizziert. Man hat all das zum Greifen nah.

Christian Wie hast Du Dich dem Bühnen- und Kostümkonzept angenähert?

Christina Ich lese erst den Roman, dann skizziere ich und zeichne zu manchem Bilder. Ich schreibe auch Wörter auf oder Zitate. Es vergeht viel Zeit und man frisst alles in sich hinein. Und irgendwann entsteht etwas daraus und das ist dann irgendwie da und fasst alles zusammen.

Christian Kannst Du einen Eindruck davon geben, welche Bühnenbildidee uns erwartet? Etwas Konzentriertes, Minimalistisches, oder etwas Opulentes?

Christina Man begegnet dem Kopf des Protagonisten, und sieht ihn offen daliegen, sein Gedächtnis quasi, die Erinnerungen. Das Oberthema Erinnerungsraum ist ein abstrakter Begriff. Um die Geschichte erfahrbar zu machen, wollte ich, dass es irgendetwas Phantastisches ist, bei dem man Dinge sieht, die alles sein können. Oder man projiziert als Zuschauer irgendetwas in das Bildliche hinein, und denkt, man würde es verstehen, aber dann erzählt der Protagonist eine ganz andere Geschichte dazu. Das möchte ich schaffen, dass man diesem Kopf begegnet, ihn umwandern und in ihn hineinschauen kann. Durch die Schauspieler wird man eingeladen, daran teilzuhaben. Es geht nicht nur darum, das Objekt anzuschauen, sondern Teil davon zu werden.

Christian So viel können wir verraten: Gegenstände werden wichtig sein im Ausstattungskonzept. Woher kam diese Idee?

Christina Für den Erzähler Leopold Auberg scheinen Gegenstände wichtiger zu sein als Personen, um die Lagerzeit, das Schreckliche, phantastisch werden zu lassen. Es geht darum, Dinge, die alltäglich scheinen, in eine andere Dimension zu heben, um sich den Alltag wohnlicher zu machen, in den Gegenständen einen Freund oder etwas Ähnliches zu finden. Wegbegleiter. Das geschieht, ohne die Gegenstände zu personifizieren, sondern eher dadurch, sie liebzugewinnen und ihnen durch kleinste Details einen Charakter zu geben. Leopold hält sich an den Gegenständen aus der Lagerzeit fest.

Christian In welcher Zeit befinden wir uns bei Deinem Ausstattungskonzept, vor oder nach dem Lager?

Christina Ich glaube, es ist der Blick aus der Gegenwart auf die Vergangenheit. Vielleicht ist es der Kopf des Protagonisten kurz vor seinem Tod. Die Erinnerungen sind dort gesammelt und warten nur darauf, noch einmal kurz aufzuleben. Wenn man sie nicht anrührt oder nicht wiederaufleben lässt, sind sie dort verankert. Man kann sie anschauen, aber sie sind leblos.

Christian Wir haben keinen klassischen Theatersaal, sondern eine Black Box. Was ist denn der Unterschied, ob man ein Bühnenbild für eine Guckkastenbühne konzipiert oder für eine Black Box?

Christina Ich glaube, bei einer klassischen Guckkastenbühne ist man abgetrennt von dem, was auf der Bühne passiert. Die Rampe ist wie eine Grenze und man betrachtet etwas, ohne Teil dessen zu sein. In der Black Box ist man viel näher an den Spielern. Die Situation ist viel intimer. Man kann auch die Reaktionen der Zuschauer besser wahrnehmen. Alles ist direkter.

Christian Es ist auch eine Herausforderung, dass die Black Box praktisch neu beschrieben werden muss mit einem Raumkonzept. Wie entsteht das bei uns?

Christina Es ist, als würde man den Kopf des Erzählers aufschneiden und könnte darin herumwandern. So wird eine Situation geschaffen, die eigentlich unmöglich ist. Bei dem Raum der Black Box finde ich toll, dass er quadratisch ist. So hat jeder Zuschauer das gleiche Raumempfinden. Auch die Höhe des Raums ist bei der Konzeption interessant, sie erzeugt eine Weite. Ein Gefühl von Unendlichkeit.

Christian Ist es ein Unterschied, ob Du ein klassisches Theaterstück oder einen Roman als Vorlage hast?

Christina Bei klassischen Stücken gibt es immer ganz viel Gepäck, das man von vorherigen Inszenierungen mitträgt. Bei so einer Romanadaption, die es noch nicht gegeben hat, darf man ganz viel selbst mitgestalten, im Team festlegen und fokussieren. Das ist glaube ich der Unterschied. Und man weiß noch weniger, wo es dann thematisch hingeht. Plötzlich ist der Roman auf der Bühne, wofür er normalerweise nicht geschaffen ist.

Christian Die Idee, die Du am Beginn für Bühne und Kostüme hattest, hat die sich noch stark verändert?

Christina Die ist ziemlich gleichgeblieben. Meistens habe ich eine Idee, die ich die ganze Zeit kritisch überprüfe und an der ich mich dann entlanghangele. Ich bin niemand, der innerhalb eines Projekts ständig etwas verwirft oder immer wieder neue Ideen produziert, sondern ich halte an einer fest, um mich daran abzuarbeiten. Was kann man dazu addieren, was nimmt man wieder weg? Es ist, als würde man Skulpturen modellieren.

Christian Hast Du Spaß daran, mit der Regie gemeinsam das Bühnenbild weiter zu entwickeln, oder arbeitest Du auch gerne so, dass Du dem Inszenierungskonzept etwas hinstellst, mit dem die Regie umgehen muss?

Christina Beides. Erstmal passiert ganz viel im Kopf, noch ohne sichtbares Ergebnis. Dann ist es immer ein Gespräch zwischen Regie und Bühnenbild, in dem man eine Idee zum Diskurs stellt. Es ist schön, wenn man daraufhin etwas hinstellt und sieht, dass das beim anderen fruchtet. Am tollsten ist es, wenn die Proben beginnen und man merkt, wie etwas funktioniert oder die Idee auch beim Spieler ankommt, der am Ende alleine damit auf der Bühne ist.

Christian Du sagtest, dass die Bilder des Romans eher poetisch weich sind als brutal. Macht es der Roman dadurch leichter, sich die Zeit in dem Lager vorzustellen?

Christina Herta Müller packt diese Dinge ganz behutsam an. Manchmal sind das ja Alltäglichkeiten, die man kennt, oder zumindest beschreibt sie die so, dass man meint, sie zu kennen.

Christian Wusstest Du vorher etwas über die Deportationen in die Sowjetunion?

Christina Von der speziellen politischen Kombination wusste ich nichts, dass Rumänien vor der Sowjetunion kapitulierte. Über die deutschen Enklaven in Rumänien wusste ich auch nichts. Diese Idee von geschlossenen Dörfern ist aus einer globalisierten Sicht gar nicht mehr verständlich.

Christian Würdest Du sagen, dass der Roman dazu einlädt, sich näher mit diesen Konstellationen zu beschäftigen?

Christina Sich näher zu beschäftigen heißt für mich nicht, dass man drei Bücher liest, sondern dass man um das Thema weiß und Dinge kombinieren und verstehen kann, wenn man ihnen in Zukunft wieder begegnet.

Christian Der Roman spricht ja viele existenzielle Dinge an: Zwangsarbeit, Hunger, der innere Kampf mit sich selbst… Welche existenziellen Dinge blitzen aus Deiner Perspektive auf, und ist das wichtig für die Bühne?

Christina Wichtig ist das Motiv des Hungers und der Kampf gegen ihn, um überleben zu können. Ich glaube, bei Atemschaukel dreht sich alles ums Überleben, und dass man sich seine Welt so schafft, dass sie erträglicher wird. Dass man das Schöne in den kleinen Dingen sucht, und in den schrecklichen Dingen, damit überhaupt noch Hoffnung da ist und man an das Weiterleben glaubt. Die Frage im Roman ist: Wofür tue ich das alles eigentlich? Lohnt sich das überhaupt? Das Krasse ist, dass der Kampf ums Überleben trotzdem so unglaublich stark gekämpft wird.

Christian Es geht auch um einen Kampf mit Erinnerung. Gibt es da für Dich Punkte, wo man anknüpfen kann, in Bezug auf die eigene Auseinandersetzung mit Erinnerung?

Christina Das Erinnern ist im Roman mit Gegenständen verbunden. Leopold Auberg trägt Dinge mit sich herum, die seine Existenz ausmachen. Neue Dinge kommen im Lager hinzu, die seine Persönlichkeit formen. In vielen Szenen erinnert er sich an einen Gegenstand, und das ist dann ein Link zu einer Person. Es geht ums Verbinden, Assoziieren. Man sieht etwas, und das verweist auf etwas anderes. Persönlich kennt man das auch: Man legt Sachen weg, und wenn man sie wieder hervorholt, denkt man: Achja, so war das damals. Dann legt man sie wieder weg, und dann ist es, als würde man die Schublade zumachen und es ist für eine Weile wieder vergessen.

Christian Auf was für ein Stimmungsbild wird man als Zuschauer treffen, wenn man in diesen Erinnerungsraum tritt?

Christina Im Theater ist, anders als in einem Museum, nichts heilig, weil man alles anfasst, zerstört, damit spielt. Ich glaube, man begegnet einer Person, einem Schicksal, das für viele weitere Schicksale steht. Man begegnet einem Leben.

Christian Du hast ja eine interessante Liste von Requisiten. Mit welchem beschäftigst Du Dich momentan?

Christina Mit dem Necessaire, mit dem sich Leopold auf die Reise ins Lager begibt. Darin tut er einen Flacon, einen Handrasierer und einen Alaunstein und vieles mehr.

Christina Flügger studiert in der Klasse für Bühnen- und Filmgestaltung an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Zuvor schloss sie ihren Bachelor of Arts in Innenarchitektur ab. Zwischen den beiden Studiengängen sammelte sie Erfahrung als Ausstattungsassistentin am Theater Bielefeld, als Bühnenbildhospitantin am Thalia Theater Hamburg und als Kostümbildassistentin an der Oper Graz. Eigene Arbeiten entstanden zusammen mit Regisseur*innen an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin, am Max Reinhardt Seminar Wien und an der Filmakademie Wien.

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