Das Akkordeon atmet

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Atemschaukel von Herta Müller ist ein Roman, der mit der Sprache und den Grenzen von Sprache spielt, der Worte erfindet und sie zu rätselhaften Bildern zusammensetzt. Herta Müllers Text klingt schon beim Lesen. Die Theaterbühne bietet die Möglichkeit, das Klingende und Flirrende des Romans zu erweitern, Assoziationen musikalisch hörbar zu machen. Das Wort wird zum Ton und der Ton zum Wort.

Ben Meerwein, Student der Fachrichtung Komposition/Tonsatz in Leipzig, und Bertolt Pohl, der in Babelsberg Filmmusik studiert, haben sich gemeinsam an die Aufgabe gemacht, einen musikalischen Raum zum Atemschaukel-Projekt zu konzipieren. Nach einer der Proben bleiben sie noch ein paar Minuten da. Wir setzen uns auf eine Wiese und reden über die Musik. Ein Gespräch im Leipziger Sonnenschein über Theater- und Filmmusik, das Atmen eines Akkordeons und wie die Hungerengel-Figur des Romans zu einer Komposition wird.

Christian Stolz Atemschaukel – was verbindet Ihr mit dem Roman, mit seinen Themen?

Bertolt Pohl Eine Art Erinnerungskultur, Erinnerungsbewusstsein. Und natürlich Herta Müller und Oskar Pastior…

Christian Kennst Du die Gedichte von Oskar Pastior?

Bertolt Eher weniger. Aber ich finde, durch diesen Roman ist seine Person nochmal in die Öffentlichkeit getreten, auch nach seinem Tod. Dadurch habe ich ihn eigentlich kennengelernt.

Christian Ich kannte vor dem Projekt auch nur seinen Namen. Durch den Roman kommt man seiner Biographie näher, und es ist schön, wenn man gleichzeitig auf seine Gedichte stößt.

Bertolt  Ich habe auch das Gefühl, dass durch dieses Buch seine Biographie erst weiter aufgearbeitet wurde. Da kamen noch ein paar Dinge ans Licht.

Christian Mit dem Roman beschäftigen wir uns ja in einem Theaterprojekt. Ihr entwickelt die Musik. Atemschaukel und Musik, wie passt das denn zusammen? Wie nähert man sich mit Musik diesem Roman?

Ben Meerwein Man hat erst einmal Klangvorstellungen und Stimmungsräume im Kopf, auch schon während man den Roman liest. Dann überlegt man sich, wie man das in Klang umsetzt. Man bastelt etwas zusammen, merkt, dass es passt oder auch nicht. Und dann überlegt man sich ein klareres Konzept. In diesem Fall nehmen wir das Akkordeon als Dreh- und Angelpunkt, verwenden es als Atemschaukel unseres Musikkonzepts.

Christian Welche Rolle spielt das Akkordeon denn genau?

Ben Es ist auf mehreren Ebenen wichtig. Zum einen kann man, ausgehend von Motiven des Romans, schöne Flächenklänge, Cluster erzeugen, als auch volksmusikartige oder tanzmusikartige Szenen entwerfen, die etwas von Osteuropa implizieren. In unserer Hemisphäre verbindet man das Akkordeon ja eher mit Osteuropa oder Russland. Außerdem ist das ein Instrument, das atmet und in gewisser Weise eine Art klingende Atemschaukel ist. Und da die Aufführung ja auch nicht so lang ist – die Vorgabe sind 30 Minuten – haben wir uns gedacht, dass ein ‚minimalistisches‘ Konzept das richtige wäre. Das Akkordeon kommt, glaube ich, auch im Roman selbst vor…

Bertolt Es war eigentlich die perfekte Wahl. Ich habe gestern zum ersten Mal in meinem Leben ein Akkordeon in der Hand gehabt und versucht zu spielen. Das kommt dem Wort „Atemschaukel“ irgendwie schon ganz nah.

Ben: Problem ist nur, dass wir beide nicht Akkordeon spielen können [lachen].

Christian Ihr arbeitet ja auch mit einem schiefen Akkordeon…

Ben Genau, ich habe ein Akkordeon, das ist ein bisschen kaputt. Aber es passt trotzdem gut rein, weil man ihm dadurch poetische Klänge entlocken kann, die nie so ganz rein sind…

Bertolt:…und das hat etwas Intimes, Fehlerhaftes. Dadurch, dass wir es auch nicht richtig spielen können, könnte man das Akkordeon zum Beispiel auf eine Figur des Romans zuschreiben.

Ben Stimmt, es würde vielleicht gar nicht zum Stück passen, wenn ein superprofessioneller Akkordeonist virtuos rumspielen würde.

Christian Es ist ja auch in Herta Müllers Roman Lagermusik.

Ben Eben.

Christian Du hast vorhin von Motiven gesprochen, die Euch interessiert haben, beim Lesen und dann beim Entwickeln von musikalischen Elementen. Was waren das noch so für Dinge?

Ben Sehr schön an Theatermusik ist, dass man am Theater immer im Team produziert. Jeder hat zwar seine Sparte, aber gleichzeitig entsteht alles im Austausch. Dadurch hatten wir schon am Anfang die Idee, dass wir ebenfalls mit dem Motiv der Gegenstände aus dem Roman arbeiten, einen Pool an Klängen haben, der die Erinnerung des Erzählers versinnbildlicht und die Gegenstände, die damit in Verbindung gebracht werden. Der Roman lebt ja sehr von solchen Stimmungsbildern. Interessant waren für uns auch die wiederkehrenden Motive wie der Hungerengel, die Lageratmosphäre, und die Tanzmusik…

Bertolt Vor allem der Hungerengel. Der ist sehr anschaulich beschrieben, wie ein Protagonist. Ich habe mich immer gefragt, was kann man eigentlich noch machen, um dem etwas musikalisch dazuzugeben. Das ist schon so eine starke Figur, dem gar nicht unbedingt noch etwas hinzuzufügen wäre, um ihn noch mehr zu charakterisieren oder seine Anwesenheit deutlich zu machen. Natürlich ist aber auch abseits davon die ganze Sprache, mit der Herta Müller umgeht, extrem anschaulich und tut auch so ein bisschen weh. Vor allem, wenn es ums Lager geht.

Christian Wie arbeitet Ihr denn musikalisch beim Hungerengel, wie kann man sich das vorstellen?

Bertolt Auch da mit dem Akkordeon, mit einer Art Cluster, das erzeugt den Eindruck von Atmung, oder wie ein Ziehen. Wie wenn man Hunger hat, und der Bauch zieht, so hab ich mir das vorgestellt.

Christian Was bedeutet Cluster?

Bertolt Das kann man beim Akkordeon leicht durch die Knöpfe, die für bestimmte Akkorde stehen, erzeugen: Wenn man mehrere auf einmal drückt, generiert man einen Block an übereinander geschichteten Tönen/Akkorden.

Ben Und das klingt gerade beim Akkordeon ziemlich gut, finde ich.

Christian Bleiben wir noch beim Motiv des Hungerengels: Wie geht Ihr an die Komposition von so einem Motiv heran?

Ben Das ist eine Frage der Abwägung. Wir denken bei diesem Stück eher in Atmosphären als in durchkomponierten Strukturen. Wir werden Klänge haben, die gut zusammenpassen und die wir dann live einsteuern. Das sind keine Noten, die wir aufschreiben, außer vielleicht bei einem Tanz, wo wir ein konkretes musikalisches Material haben. Auf diese Elemente sind wir gekommen, weil der Text in sich schon eine Art Melodie erzeugt, die man dann begleiten kann bei so einem Theaterstück.

Bertolt Ich würde sagen, dass wir ausgehend von der Beschreibung des Lagers angefangen haben zu komponieren. Das erste, was wir machen wollten, war, eine Lageratmosphäre zu generieren. Der Text benennt verschiedene Sachen sehr konkret. Es lag nah, mit konkreten Klängen zu arbeiten.

Ben Musik ist ja auch immer eine Raumerweiterung. Also etwas, was dem Gesagten noch mehr Tiefe verleihen kann, oder es konterkarieren kann und so weiter. Das ist dann die Arbeit, die man in den Proben macht, zu schauen, ob das funktioniert oder nicht.

Christian Das ist auch gleich die nächste Frage: Text und Musik, wie geht das in diesem Fall zusammen? Setzt sich die Musik vor allem ins Verhältnis zum Text, oder schafft sie ganz eigene Akzente?

Ben Als wir heute bei der Probe die Szenen mit den verschiedenen Tänzen probiert haben, haben wir am Schluss einen einfachen Walzerrhythmus gespielt. Man konnte dann mal einfach eine Melodie spielen, weil die Schauspielerin auch wirklich tanzt. In anderen Szenen liegt wiederum das gesprochene Wort über dem Rhythmus und der Rhythmus ist nur die Triebkraft und Untermalung der Szene. Würde man da noch eine Melodie obendrauf setzen, würde das sehr unübersichtlich werden. Das wäre ein Effekt, den könnte man sich überlegen, wenn man eine Ballung erreichen wollte.

Bertolt Bis zur heutigen Probe haben wir eigentlich still nebenher gearbeitet, das war sehr interessant. Wir haben uns zum Beispiel bis vorhin noch nicht richtig vorstellen können, in welchem Tempo der Text gesprochen wird und wieviel Musik er neben sich zulässt.

Ben Wenn man diese Art von Theatermusik macht, ist interessant, dass man sich die Proben erstmal ohne Musik anschauen muss, damit man nicht nur vom Text ausgehend Atmosphären oder Klänge konzipiert, sondern auch von den Schauspielern, und von dem, was die Regie möchte.

Ben Es ist in dem Sinne eigentlich sehr funktional.

Bertolt Genau wie bei der Filmmusik.

Christian Bertolt, Du kommst aus der Filmmusik. Filmmusik und Theatermusik, was sind da Gemeinsamkeiten, was sind Unterschiede? Auch in der Konzeption…

Bertolt Es wird ja immer so schön gesagt, dass sich im Film die Musik gar nicht so sehr in den Vordergrund spielen soll, weil sie eher begleitend agiert und einen Subtext erzählt. Ich glaube, beim Theater kann generell viel freier mit der Musik umgegangen werden, da das Stück jedes Mal bei einer Probe oder Aufführung etwas anders reproduziert wird.

Ben Man muss mit der Musik reagieren, ne?

Bertolt Genau. Wenn Du einen Film hast, der fertig geschnitten ist, ändert sich da nichts mehr. Am Theater ist es natürlich ein ganz anderes arbeiten, denn theoretisch kann man immer noch Änderungen reinbringen. Beim Theater, würde ich sagen, ist es immer wieder ein Austausch. Es ist nicht so, dass das Stück fertig ist, und dann sagt jemand: „Und jetzt wollen wir hier Musik haben, macht mal was.“ Von der Funktion ist die Musik aber in Film und Theater ähnlich, würde ich sagen.

Ben Deshalb haben wir uns bei diesem Projekt für eine Live-Klang-Regie entschieden, weil man dann einfach flexibler ist.

Bertolt Genau, und natürlich ist es auch ein völlig anderes Hörerlebnis für alle Beteiligten, wenn Musik in einem Raum ist, in dem etwas passiert, in dem sich Menschen und Klänge bewegen. Das Theater ist da interaktiver. Vor allem, wenn es Musiker auf der Bühne gibt oder wenn wir an Reglern schieben und die Stimmung so beeinflussen. Wir sind in dem Projekt quasi die Ausführenden der Musik und gleichzeitig Mischtonmeister in einem.

Christian Wie wird das live auf die Bühne reagieren stattfinden?

Ben Wir legen verschiedene musikalische Gruppen auf ein Mischpult, und können abwägen, wie wir sie einspielen, vielleicht, weil der Schauspieler spontan lauter wird als das in den Proben der Fall war, oder leiser. Man kann dann spontan sagen: „Okay, jetzt spielen wir es doch schon rein oder wir nehmen das raus, oder, oder…“

Bertolt Ja, ich glaube, es geht darum, Lautstärkeverhältnisse anzupassen und alles abzuwägen, je nachdem, was man denkt, was der Schauspieler jetzt gebrauchen könnte, oder natürlich auch der Zuschauer. Das läuft dann auch instinktiv. Dass man sagen kann: „Heute habe ich Bock, das und das anders zu machen aus dem und dem Grund.“ Und so entstehen ja völlig neue Akzente.

Ben Deshalb haben wir am Anfang auch erst einmal eine Klangpalette zusammengestellt, die wir in den Proben mal ausspielen werden und dann schauen, was passt und was nicht. Einige Atmosphären sind aber als feste Punkte konzipiert.

Christian Wir arbeiten in dem Projekt an einem Erinnerungsraum: Es gibt den Text von Herta Müller, der Erinnerung in sich trägt, das Raumkonzept, Erinnerungsgegenstände, und eben die Musik als Element, das auch stark mit Erinnerung zusammenhängt. Musik und Erinnerung, was verbindet Ihr denn damit?

Ben Jeder kennt das, wenn man zum Beispiel eine Band oder einen bestimmten Komponisten oder eine Komposition im Laufe des Lebens öfters intensiv gehört hat: Wenn man das Stück fünf Jahre später wieder hört, ist es, als würde sich eine Erinnerungsschatulle öffnen, und diese ganzen Gefühle äußern sich wieder ziemlich stark, die man eigentlich scheinbar vor fünf Jahren hatte.

Christian Heute bei der Probe ging es um verschiedene Arten von Tänzen. Tänze in dem Fall auch als Lagererinnerung, als Heimaterinnerung. Ihr arbeitet in der Musik mit bekannten Anklängen.

Ben Genau, und die Anklänge kommen gleichzeitig aus einer Atmosphäre, die sie vorher noch gar nicht in sich trug. Es sind Momente, in denen eine konkrete musikalische Struktur erscheint, als Erinnerungsbild. Man kann dabei natürlich auch nur mit außermusikalischen Klängen arbeiten. Wie das Rauschen von Blättern. Da wird wohl jeder sofort ein Erinnerungsbild in sich aufblitzen sehen.

Christian Über welche Reaktionen von Zuschauern würdet Ihr Euch freuen, wenn sie aus der Aufführung rausgehen?

Ben Es ist ein fragmentarischer Text, da kann man mit der Musik versuchen, nochmal die Form des Stücks zu verstärken. Ich hoffe, das funktioniert. Wir sind noch in der Probenphase, und das ist das spannende daran, und auch unser Ziel, dass das Projekt mit der Zeit noch eine andere Kontur bekommt aus dieser musikalisch-klanglichen Ebene heraus. Wenn uns jemand sagt, das hat geklappt, dann wäre ich zufrieden.

Bertolt Wäre natürlich auch toll, wenn jemand sagt, „Mensch, darüber könnte ich mal nachdenken“ oder dass man einfach sagt, „Ja, das hat mich irgendwie berührt jetzt.“ Ich finde es auch total toll, dass die Aufführung mit den Zuschauern beginnt, und ich fände es glaube ich interessant, währenddessen die Reaktionen der Zuschauer zu sehen. Da könnte man vielleicht schon ein bisschen was rauslesen.

Christian Ihr hattet ja schon erzählt von den Phasen der Entwicklung der Musik. Erst einmal habt Ihr für Euch Motive erarbeitet und wir haben darüber gesprochen. Dann habt Ihr ein Konzept erstellt. Jetzt läuft die Phase, in der Ihr mal in die Proben guckt, Ihr darauf reagiert und wir im Gespräch darüber bleiben. Wie stellt Ihr Euch denn jetzt die finalen zwei Wochen vor?

Bertolt Die beiden Welten zusammenzuführen, das ist momentan glaube ich das Wichtigste. Und damit beginnt eigentlich erst die Arbeit. Dann sieht man, was funktioniert und was nicht. Man kann dann viel konkreter an den Sachen arbeiten. Das wird sehr spannend.

Christian Sprache und Musik, die beiden Welten: Sprache wird auch auf klanglicher Ebene eine Rolle spielen. Wie spielen Sprache und die Musik zusammen?

Bertolt Es ist total interessant, dass der Zuschauer, der verstehen will, sich natürlich immer auf den Text konzentriert und das andere eher nebenbei wahrnimmt. Beim Film ist es nicht anders. Damit ist die Frage verbunden: Wie geht man eigentlich damit um? An erster Stelle ist immer das Wort und das Verständnis…

Ben Es kommt darauf an, wie stark wir fragmentieren werden. Wie wir die Überlagerung gestalten.

Bertolt Man kann auch assoziativ viel erreichen, wenn mal nur ein Wort verständlich ist, nur ein Wort, was auf einmal aufkommt – und dann hallt es nach.

 

Ben Meerwein, 1995 geboren. Studium der Musikwissenschaft an der Universität Leipzig mit Modulen in Philosophie. Seit 2017 Studium Komposition/Tonsatz an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig.

Bertolt Pohl, 1993 in Potsdam geboren. 2013-2017 Studium an der Universität Leipzig im Fach Musikwissenschaft. 1. Platz (2013) und 2. Platz (2014) im Wettbewerb für Filmmusik & Sounddesign beim Leipziger Filmfestival Kurzsüchtig. Seit 2017 Studium an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf im Fach Filmmusik.

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