„Es ist ein Ringen um die Gegenwart“

Janna Rottmann

In Herta Müllers Roman Atemschaukel schildert der Erzähler Leopold Auberg, wie er zu Beginn des Jahres 1945 aus Rumänien in ein sowjetisches Arbeitslager deportiert wird. In einem bildmächtigen Panorama skizziert er Momente und Detailaufnahmen der fünf Jahre Lagerzeit. Janna Rottmann, freie Schauspielerin aus Berlin, beschäftigt sich momentan intensiv mit der Figur Leopold Auberg, denn sie wird die Worte Leopolds aus dem Roman mit ihrer Stimme und ihrem Körper zum Leben erwecken.

Gerade wurde geprobt. Janna hat Texte über Zwangsarbeit gesprochen, über Hunger. Nach dem Ausklang der Probe ist Zeit, über die geschichtliche und lebensweltliche Ferne zu sprechen, in der wir als junge Generation zu den Themen des Romans stehen. Wir reden über ihre Eindrücke zum Roman, zu seinen Aspekten von Vergangenheit und Erinnerung und was das mit unserer Gegenwart zutun hat.

Christian Stolz Du hast ja Atemschaukel vor Probenbeginn schon gelesen. Worum geht es für Dich in dem Roman?

Janna Rottmann Ich finde den Umgang des Erzählers mit dieser total schlimmen Situation der Deportation sehr interessant, und wie sich jemand eine Welt baut, um das ertragen zu können. Ich habe den Eindruck, dass der Erzähler sich ein Narrativ schafft, um sich selbst seine Welt zu erzählen. Die Geschichte wird auf eine Art mitgeteilt, wie ich es mit solchen Themen noch nie erlebt habe. Der Roman vermittelt mir, dass ich einen Abstand zu den historischen Umständen habe, gleichzeitig schafft er durch seine Bilder eine Nähe.

Christian Du meinst, dass man sich der Figur recht nah fühlt, aber dem Thema der Deportationen in die Sowjetunion eher fern? Kann man als Leser an das Thema, wie es erzählt wird, gut anknüpfen, oder ist es etwas, zu dem man eher einen Abstand aufbaut?

Janna Ich kann das alles sehr gut betrachten. Beim Thema der Deportationen geht es aber glaube ich nicht darum, das objektiv zu überblicken, denn man kriegt ja nur die Eindrücke von dem Erzähler Leopold Auberg geschildert. Ich bin Zuschauer der Geschehnisse. Das habe ich ganz doll empfunden, dass ich mich nicht wirklich in den Leopold hineinversetze, sondern ihm zugucke.

Christian Kanntest Du die historischen Hintergründe der Deportationen am Ende des Zweiten Weltkriegs, um die sich der Roman dreht?

Janna Nur ganz ungefähr, also sehr oberflächlich.

Christian Ist es eher ein Thema, das heute nicht so präsent ist?

Janna Ja, das würde ich sagen. Von diesen Deportationen wurde zum Beispiel bei uns im Geschichtsunterricht nie gesprochen, und wir hatten dreimal den Zweiten Weltkrieg als Thema. Es gibt, finde ich, immer eine Gewichtung, dass bestimmte Themen jedes Mal besprochen werden, und was da gleichzeitig anderswo passiert ist, eher nicht.

Christian Meinst Du, man kommt durch den Roman dieser Thematik nah oder näher?

Janna Ja, ich glaube näher. Ich denke, dass der Roman bei mir als Leser ein politisches Interesse an dieser Thematik wecken kann. Es ist schön, sich in der Beschäftigung mit dem Thema an die Menschen zu halten, wie es auch der Roman macht. Das waren Geschichten von Menschen. Ich glaube, über Einzelschicksale kann man als einzelner Zuhörer oder Zuschauer oder Leser begreifen, dass das nicht etwas ist, das vergangen ist.

Christian Würdest Du denn sagen, dass Atemschaukel ein Roman ist, der vor allem eine persönliche Sicht schildert, oder ist er auch politisch?

Janna Das finde ich schwer zu bestimmen. Es ist eine sehr persönliche Schilderung, der Erzähler beschreibt subjektiv. Das Gefühl besteht, dass eine eingeschränkte Sicht beschrieben wird, das darf es aber auch sein, denn es wird ein Schicksal erzählt. Das macht es mir als Leser möglich, Fragen zu stellen, ob das wirklich so ist, ob das wirklich so war, oder ob ich das nicht anders wahrgenommen hätte als er. Natürlich kann ich mir diese ganzen Umstände gar nicht vorstellen. Es gibt auf jeden Fall Futter für eine politische Auseinandersetzung.

Christian Wir beschäftigen uns viel mit Erinnerung. Was würdest Du sagen, um was für Themen von Erinnerung geht es in dem Roman?

Janna Erinnerung ist ein Mittel. Es wird deutlich, dass der Erzähler auch nach der Lagerzeit nicht glücklich ist – wie findet man sich dann in der Welt zurecht? Die Erinnerung ans Lager wird von ihm scheinbar permanent lebendig gehalten. Das ist so, als passiere irgendetwas, die Welt funktioniert deswegen nicht mehr so wie vorher, und die Erinnerung ist dadurch eine permanente Referenz…

Christian …auf die Vergangenheit?

Janna Ja, genau, auf die Vergangenheit. Es ist wie eine Flucht, und der Erzähler verändert die Erinnerung. Je öfter man sich erinnert, desto schöner wird sie. Für mich ist auch die Frage: Wie funktioniert Erinnerung? Wie stark verändert sie sich?

Christian Die Sprache des Romans ist dabei sehr besonders, poetisch. Wie würdest Du die Sprache beschreiben? Und wie nähert man sich dieser Sprache für eine Bühne an?

Janna Ich finde die Sprache interessanterweise auf eine Art auch kalt. Sie ist sehr bildhaft, aber hat auch eine Sachlichkeit. Sie lädt mich ein, und hält mich gleichzeitig weg. So, wie ich eigentlich den ganzen Effekt von diesem Buch empfinde. Ich finde, dass der Text dazu verführt, dem Zuschauer beim Sprechen die Metaphern erklären zu wollen. Deshalb versuche ich, im Spiel einen natürlicheren Umgang mit der Sprache zu finden.

Christian Wie würdest Du den Erzähler, Leopold, beschreiben, was ist das für einer?

Janna Er ist ein Mensch, der einfach leben will, vielleicht gerade, weil das Lager Grundbedürfnisse des Lebens beschreibt. Der könnte Du und ich sein. Es ist eine Grenzerfahrung, ein Ausnahmezustand im Lager. An einer Stelle im Roman verprügelt er jemanden, der Brot geklaut hat, dann ist er wie entrückt. Er tut das nicht, weil es sein Charakter ist, sondern weil im Lager sonst übliche zwischenmenschliche Verhaltensregeln durch diese große Bedürftigkeit, durch diesen großen Mangel, diese Not außer Kraft gesetzt sind.

Christian Es gibt ja viele Lagerberichte, auch viele dokumentarische. Kannst Du beschreiben, was Leopolds Lagergeschichte vor allem ausmacht?

Janna Er geht ins Lager mit einer Vorfreude, weil er Lust hat, aus seiner Familie wegzukommen. Er kann sich da, wo er groß wird, nicht so ausleben, wie er möchte, auch in seiner Sexualität. Er nimmt die Situation in der Familie und in der Stadt als etwas Zwangbehaftetes wahr. Das Wegfahren ist etwas ganz Positives, etwas, das er mit einer Freiheit assoziiert. Im Lager wird dann beschrieben, wie er darin seine Wege findet. Dort wirkt es manchmal, als wäre es seltsam okay, wie es dort ist, oder seltsam gut. Das liegt an dem Umgang dieses Menschen mit der Situation, weil er es anders nicht ertragen könnte, denke ich.

Christian Wie ist bei unserem Projekt das Setting? Bekommen die Zuhörer eine Geschichte erzählt, ist das etwas, wo man etwas lernt, oder ist das eine Erfahrung?

Janna Ich hoffe, dass es eine Erfahrung ist, bei der man einer Suche nach Erinnerung zugucken kann, auch einer Suche nach Wahrheit. Eine Grundfrage ist: Was war das für eine Zeit im Lager?

Christian Was meinst Du, in unserer Generation, die in so einer Ferne zu diesem Thema und zu dieser Zeit steht: Kann man aus der Beschäftigung damit etwas mitnehmen?

Janna Bei unserem Projekt, glaube ich, kann man sehen, wie der Erzähler es für sich verhandelt, mit den Dingen, die ihm widerfahren, umzugehen. Es ist das Ringen von jemandem, mit seiner Geschichte umzugehen. Er will leben und weitergehen. Er hat dabei eine Lust auf das Lager, Dinge sind verdreht. Es ist dann auch wie ein Ringen um seine Gegenwart. Wie greife ich mir das alles so, dass es meins ist, meine Geschichte, meine Gegenwart? Wie kann ich mir meine Geschichte so gestalten, dass ich der Macher bin? Es geht darum, sich der Vergangenheit zu ermächtigen, damit ich sie jetzt in meiner Gegenwart bewältigen kann – sich das Dasein, was man jetzt hat, erkämpfen.

Christian Musik und Spiel müssen bei unserem Projekt zusammenkommen. Wie geschieht das aus Deiner Perspektive?

Janna Ich hoffe, dass es so funktioniert, dass die Musik, die Spieler, der Raum, die Requisiten, alle zusammen einen Erlebnisraum schaffen. Und da ist halt die Musik eine Komponente und ich bin eine Komponente. Ich bin auch wie ein Ton auf der Bühne, oder wie ein Bild, in dem, was ich tue. Es läuft so, dass unsere Musiker Proben anschauen und sich dann Gedanken darüber machen. Und ich habe das Gefühl, dass das miteinander entsteht. Ich finde es gut, dass wir eine musikalische Ebene haben, weil das für mich eine andere Art Sinnlichkeit mitbringt, die ich mit dieser Geschichte verbinde.

Christian Auf welche Reaktionen der Zuschauer würdest Du Dich am Ende freuen?

Janna Im Roman gibt es eine Schönheit in dem Schmerz, nichts zu haben, aber etwas zu suchen. Ich fände gut, wenn der Unterschied zwischen der kalten Geschichte, wie man sie im Geschichtsunterricht hört, und dieser Sinnlichkeit deutlich wird. Es gibt die Fakten, aber auch eine ganz sinnliche Geschichte. Geschichte und Leben sind nicht zwei unterschiedliche Dinge  – ich glaube, ich fände es toll, das erfahrbar zu machen.

 

Janna Rottmann, 1992 in Werther geboren; erste Theatererfahrungen am Theater Bielefeld, spielte in zahlreichen Produktionen des dortigen Jugendclubs. Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Theater Rostock, parallel freie und interdisziplinäre Projekte, Arbeit u.a. am Volkstheater Rostock. Nach Abschluss des Studiums arbeitete sie u.a. als Mitglied des onlinetheater.live.

Copyright Foto: Reiner Nicklas

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